Der 1. Mai und der Tag danach oder „Von Erfurt nach Gießübel“

Am 1. Mai morgens um 7 habe ich nicht mehr an den Erfolg geglaubt. Die Stadt wirkte von außen betrachtet wie eine Festung. Wir blieben dennoch bei unserem durchorganisierten und geplanten Tagesablauf. Also. Erst zum Anger um die notwendigen Informationen für den Tag zu bekommen. Doch schon am Hauptbahnhof stand eine große Menschenmenge, die ein klares Ziel vor Augen hatte. Kein Naziaufmarsch in Erfurt. Nach ein paar ermunternden Gesprächen versuchten wir durch den Bahnhof zu gelangen um vielleicht schon mal nach dem „Rechten“ zu sehen. Dies wurde durch herbei eilende Polizisten verhindert, die freundlich aber bestimmt klar machten, dass der Hauptausgang nur für die Nazis bestimmt sei, an diesem Tag. Also drehten wir um und gingen ersteinmal zum Anger. Später erreichte uns die Mitteilung, dass die DEUTSCHE BAHN AG ihrem Namen alle Ehre machte und durch Platzverweise für demokratische Kräfte den anreisenden Neonazis unter die Arme griff. Daran ändert in meinen Augen auch eine spätere Erklärung der Bahnsprecherin nichts mehr. Am Anger hörten wir von den ersten Blockaden auf der Naziroute, die wir über das Infotelefon bestätigt bekamen. Unser 1. Versuch auf die „andere Seite“ zu kommen scheiterte leider am Flutgraben. Also liefen wir einen anderen Weg und fanden uns nach langem Fußmarsch, (zwischendurch hatten wir noch die DGB Demo mit begleitet, deren Mitanmelder ich war), plötzlich doch in einer „Blockade“ wieder und waren damit auf Sichtweite zu dem kläglichen Haufen Neofaschist_innen um Wieschke und Konsorten. Als diese losliefen, liefen wir einfach etwas schneller eine ähnliche Strecke und wie es der Zufall wollte, standen wir plötzlich alle gemeinsam auf der Stauffenbergallee / Ecke Leipziger Platz. Ein paar unangenehme Polizisten kamen kurz über den eigens errichteten Zaun zu uns, schlugen und traten auf ein paar junge friedliche Menschen ein und gingen dann wieder weg. Ein Polizist machte mir mit einer deutlichen Geste „er zog den Schlagstock und holte aus“ klar, wie er sich den weiteren Tagesablauf vorstellte.  Dummerweise geriet ein Freund von mir mitten zwischen die prügelnden Beamten, so dass er wirklich heftig Schläge und Tritte einstecken musste. Der Grund für diesen sinnlosen Einsatz erschliesst sich mir nicht und ich werde dem auf jeden Fall nachgehen. In der Zwischenzeit waren auch die Nazis eingetroffen und Patrick Wieschke schrie und palaverte wie doof er dass doch hier alles findet und er will jetzt unbedingt weiter. Es nützte nix. Die friedlichen „Blockierer“ ließen sich auch vom teils provokanten Auftreten der Polizei  nicht beirren und auch an anderen Orten waren viele Menschen einfach  stehen oder sitzengeblieben. Als die Nazidemo plötzlich versuchte durch die Polizeikette durchzubrechen um ihre Strecke laufen zu können, war recht schnell klar, dass diese Demo wohl auch beendet sein dürfte. Wieschke hat also zum 2. Mal in Erfurt versagt. Der Mythos vom ordentlichen Neonazi, der sich auf Demos immer an Recht und Gesetz hält, dürfte damit wohl auch vom Tisch sein. Erstaunlicherweise gab es lange bevor die Nazidemo aufgelöst wurde schon eine Meldung über deren Auflösung über die Ticker. Darüber muss dringend gesprochen werden. Die Nazis jedenfalls, probierten selbst noch eine Sitzblockade aus, die aber nicht mal 20 Minuten andauerte, was niemanden erstaunen sollte. Wer jetzt glaubt, dass die Nazis gesittet und behütet zum Bahnhof zurückgingen irrt. Mindestens 60 von den knapp 250 Anwesenden machten sich auf den Weg in den südlichen Teil der Stadt und liefen völlig unbehelligt dort herum um Frustabbau zu betreiben. Der geplante Aufmarsch in Kirchheim bei Arnstadt klappte ebenso wenig, wie der geplante Aufmarsch in Erfurt. Auch wenn in Erfurt wieder einmal nicht geschlossen gegen den Naziaufmarsch demonstriert wurde, so gelang es doch mit vereinten Kräften ihnen wieder einmal die Stirn zu bieten und sie aus der Stadt zu schmeißen. Das nächste Mal Herr Wieschke wird es noch anstrengender, weil das nächste Mal halten alle noch mehr zusammen, so dass ihr wieder nicht durchkommt. Versprochen ist Versprochen…

Am Sonntag den 2. Mai wurde es dann doch etwas ruhiger. Gemeinsam mit vielen anderen Naturfreunden und vielen prominenten Verbandsvertreter_innen eröffneten wir dass neue Haus der Naturfreundejugend im Thüringer Wald. Der Ort Gießübel war mir bis dahin kein Begriff. Jetzt weiß ich, dass wir dort ein Haus der Naturfreundejugend haben, deren Mitglied ich unter anderem bin, in dem wir Seminare und Ferienfreizeiten machen können und wo junge Menschen die Natur und das demokratische Miteinander kennen lernen. Ich freue mich über das neue Naturfreundejugendhaus und darüber, dass es auch die Naturfreundejugend Thüringen war, die den 1. Mai in Erfurt zu einem Erfolg gemacht haben.

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